Montag, 27. Juni 2011


Münchens Massen

Aus dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung:

Text: Uli Schuster - Fotos: Uli Schuster, Andreas Schebesta (Green City e.V.), Getty Images


Freitag Abend in München. Langsam versammeln sich gut 30 Fahrradfahrer am Fuße der Bavaria auf der Theresienwiese. Gut präparierte Rennradfahrer sitzen neben idealistischen Klimaschutzaktivistinnen; stylische Fixie-Besitzer drehen ihre Runden, während sich ein paar Mountainbiker über Verletzungen und technische Errungenschaften austauschen. Sie alle wollen heute Abend gemeinsam Radfahren – und das nicht auf dem Radweg. In regelmäßigen Abständen wird das Monument an der Theresienwiese Treffpunkt für eine Radtour der besonderen Art.

Nach einer guten halben Stunde schwingen sich alle auf die Sättel und starten ihre Tour kreuz und quer durch die Stadt. Sie fahren mitten auf der Straße, von der Theresienwiese über Hackerbrücke, Nymphenburger Straße und Königsplatz bis zum Stachus, über die Sonnenstraße vorbei am Sendlinger Tor und durchs Glockenbachviertel zum Gärtnerplatz. Einige Autofahrer drücken Loyalität durch Hupkonzerte aus, andere preschen aggressiv vorbei. Mit jedem Kilometer steigt die Stimmung der Gruppe. Immer wieder übertönen Freudenschreie und Klingelkonzerte den Verkehrslärm.

Die Idee dieser seltsamen Gruppen-Radtour ist einfach: Eine „Critical Mass“ – so nennt sich so eine Horde – findet sich zusammen, um die von Autos dominierten Straßen der Stadt zurück zu erobern – allein durch ihre Masse. Präsenz spielt bei der „Critical Mass“ die entscheidende Rolle. „Autofahrer haben einfach zu viele Rechte“, erzählt die Studentin Jasmin, während sie in die Pedale tritt. Drahtesel statt Abgasschleuder, das ist die Devise der Teilnehmer.

Die Radfahrer machen sich eine Klausel der Straßenverkehrsordnung zu Nutze, nach der 16 Radfahrer einen geschlossenen Verband auf einer Fahrspur bilden dürfen. In vielen Städten der Welt gehören die regelmäßigen Fahrrad-Kolonnen zum Straßenbild dazu. Die erste Aktion fand 1992 in San Francisco statt, in Deutschland fand sich die erste kritische Masse 1997 in Berlin zusammen. Dabei geht es aber keineswegs darum, den Verkehr zu behindern. „Wir blockieren nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr“, heißt es auf der Facebook-Seite der Gruppe „Critical Mass Munich“. Ralph, 29, Student und leidenschaftlicher Rennradler, ist schon seit über einem Jahr regelmäßig dabei. Er mobilisiert Radfahrer über Eventankündigungen auf Facebook. „Ich wurde zum Administrator ernannt und kann jetzt auf der Page Events ins Leben rufen.“ Einen festen Veranstalter gibt es aber nicht: „Das läuft hier alles ganz locker und demokratisch.“

Die „Critical Mass“ ist nur eine von vielen Aktionen in München, die ihre Teilnehmer über Facebook mobilisiert. Gemeinsame Interessen auf einen Nenner bringen – dazu bieten soziale Netzwerke beste Voraussetzungen. Doch uferlose Massenveranstaltungen auf öffentlichen Plätzen und unerwünschte Anstürme von Partygästen vor Privatwohnungen werfen momentan einen Schatten auf den Unternehmungsdrang der Nutzer des größten sozialen Netzwerks. Facebook-Events erhalten in diesen Tagen einen faden medialen Beigeschmack, trotz friedlicher Veranstaltungen wie der Critical Mass, deren konstruktive Energien durch Facebook freigesetzt werden.

Ralph und sein Fahrradzug kommen gegen 22.30 Uhr im „Stragula“ im Westend an. Sie stellen ihre Räder vor der Kneipe ab. Drinnen läuft schon seit Stunden eine andere Veranstaltung, die das Potential der Gruppenmobilisierung über Facebook und Co. verdeutlicht: Der „Carrotmob“.

Die Party ist in vollem Gange, und sie hat einen guten Zweck: Klimaschutz und Konsum – die Organisatoren vom Verein Green City wollen zeigen, wie sich dieser scheinbare Widerspruch leicht vereinen lässt. Verbraucher kaufen gezielt in einem Geschäft ein oder trinken ihr Feierabendbier in einer ganz bestimmten Kneipe. Vorab verpflichten sich die Ladenbesitzer, einen bestimmten Prozentsatz ihres Umsatzes in Energiesparmaßnahmen für ihre Räumlichkeiten zu investieren. „Wir machen euch die Bude rappel voll und ihr verbessert die Energieeffizienz“, so lautet auch der Deal mit dem Wirt des Stragula, sagt Svenja von Gierke von Green City. Über Facebook, Youtube, Twitter, Blogs und Flyer haben Green City und seine Anhänger in den vergangenen Wochen die Werbetrommel gerührt – augenscheinlich mit vollem Erfolg: 400 Klimaschützer essen, trinken und tanzen für den guten Zweck. Unter ihnen ist auch Brent Schulkin, der Erfinder des Carrotmob. Er lebt in San Francisco und ist nach Deutschland gekommen, um den Kontakt zu seinen Nachahmern zu suchen. „Deutschland ist das Carrotmob-freundlichste Land außerhalb Kaliforniens“, sagt Schulkin im Stragula. Das erwirtschaftete Geld steckt der Wirt der Kneipe in eine optimierte Beleuchtung, neue, energieeffiziente Kühlschränke und den Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter. „Wir zeigen andere Lösungen und Wege auf“, sagt Svenja von Gierke. „Es sind neue Formen entstanden, sich zu engagieren. Entweder du kommst zu einem Event, machst Werbung für ein Event oder du trittst einer Organisation bei. Du kannst es flexibel gestalten und damit besser ins eigene Leben integrieren.“

Und noch eine ungewöhnliche Ausprägung der über das Netz organisierten Protestkultur ist im Moment auf dem Vormarsch: Einige Münchnerinnen folgen dem Ruf einer kanadischen Emanzipationsbewegung, die mittlerweile globale Ausmaße angenommen hat: In sogenannten „Slutwalks“ demonstrieren Frauen gegen Sexismus, Verharmlosung sexueller Gewalt und für Gleichberechtigung. Nachdem in London und Amsterdam schon Hunderte junger Frauen auf die Straße gegangen sind, entwickelt sich die Bewegung nun auch in Deutschland. Der Termin für die erste große Demo steht schon: Am 13. August geht es in Berlin und München auf die Straße. Die Münchner Organisatorinnen sind noch auf der Suche nach Verstärkung – auch über Facebook.

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