Dienstag, 26. Oktober 2010


Abschlussveranstaltung Stadtradeln


Am vergangenen Samstag fand die Abschlussveranstaltung Stadtradeln im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München statt. Leider war diese Veranstaltung nicht besonders gut besucht, was ich aber auch erwartet habe. Die Leute die aber dort waren, haben sich vor der Preisverleihung bei Kaffe, Apfelschorle und Keksen an Stehtischen kennengelernt und – zumindest was meine Person angeht – sehr gut unterhalten. Man hat gleich gemerkt, dass die Bedürfnisse der einzelnen Radfahrer ganz unterschiedlich sind. An meinem Tisch gab es schon fast ein Streitgespräch zwischen zwei Radlern. Ein Mann meinte, man solle es so wie in Holland machen und Radwege teilweise auch über 3 Etagen bauen. Er hat an der Münchener Verkehrsführung für Fahrradfahrer kein gutes Haar gelassen und, wie ich es empfand, alles andere als konstruktiv argumentiert. Seine Gesprächspartnerin war da ganz anderer Meinung. Sie meinte, dass zwar einiges verbesserungsbedürftig sei, aber dennoch die Stadt und das Umland gut zu erradeln sei. Auf meinen Einwurf, dass sie nicht von sich auf andere Fahrradfahrer schließen darf, da sie ja recht sportlich zu sein scheint und jeden Tag mindestens 40 Km mit ihrem Drahtesel zurücklegen würde, was eine gewisse Sicherheit im Straßenverkehr bedeutet, gab sie mir aber Recht.

Pünktlich um 14:30 Uhr fing dann die offizielle Veranstaltung an. Eine Sprecherin des Museums eröffnete diese Preisverleihung mit einem Verkehrserziehungsfilm aus den 50er oder 60er Jahren – den Film konnte selbst das Museum nicht genau datieren. Ich habe selten so gelacht. Die Auffassung zum Verhalten im Verkehr war damals anscheinend so grotesk, dass ich mich echt wundere noch Überlebende des Straßenverkehrs aus dieser Zeit zu treffen. Es wurden natürlich auch Reden geschwungen. Diese waren das übliche Geschwafel, dem man keine Aufmerksamkeit schenken musste. Bei den Bewertungen gab es vier Kategorien:


a) Gewinner in der Stadtwertung

b) Gewinner in der Gruppenwertung

c) 3 ersten männlichen Gewinner der Kilometerleistung (München)

d) 3 ersten weiblichen Gewinner der Kilometerleistung (München)


In der Kategorie Stadtwertung


1. Platz München mit 168335 km / 24240 kg CO2

2. Platz Leipzig mit 157845 km / 22730 kg CO2 und

3. Platz Rheinberg mit 14694 km / 20548 kg CO2.


Natürlich alles ein Trugschluss, da nicht die Einwohnerzahl mit einberechnet wurde. Bei einer Auswertung Km pro Einwohner würde das sicher ganz anders ausschauen. Das soll man aber Ende Oktober hier nachlesen können. Bei der Statistik Km pro Teilnehmer ist München nur an 6. Stelle.

In der Wertung bei den Gruppen gewann, wie nicht anders zu erwarten, der ADFC mit 24300 geradelten Km. Die Überraschung gab es bei der Einzelwertung, was auch der Grund dafür war, dass man die Herren den Damen vorgezogen hat, obschon das eigentlich unüblich und unhöflich ist.

Der Mann mit den meisten Km hatte es auf ca. 1090 Km geschafft. Die Dame mit den meisten Km schaffte es sogar auf ca. 1130 km. Die genauen Zahlen habe ich leider nicht mehr im Kopf.

Zwei Dinge haben mich bei dieser Veranstaltung besonders erschreckt: anscheinend hält die Stadt München Radwege für besonders erstrebenswert. Zumindest wird auf einer Postkarte zur Bewerbung Münchens als Fahrradhauptstadt, die es dort zum mitnehmen gab, damit geprahlt, dass München unglaublich viele Km Fahrradwege hat. Allen Anschein nach hat denen noch niemand gesagt, dass Fahrradwege töten und überhaupt nicht erstrebenswert sind.


Und da wird doch glatt von einem Vertreter dieser Fahrradaktion gesagt, dass man noch nicht wissen, ob nächstes Jahr München wieder beim Stadtradeln mitmachen würde. Man sei noch mitten in den Überlegungen. Unglaublich! Einige Millionen in eine Fahrradkampagne reinstecken und sich Fahrradhauptstadt nennen wollen, dabei aber nicht einmal sicher sein, bei einer solchen Kampagne mitzumachen. Zumal München dieses Jahr doch gewonnen hat, sollte das für 2011 eine Selbstverständlichkeit sein.


Kommentare:

Shining Raven hat gesagt…

Hallo Heiner,

dann haben wir uns ja sogar schon einmal gesehen, ich war auch bei der Abschlussveranstaltung...

Du sagst, anscheinend
"... hält die Stadt München Radwege für besonders erstrebenswert..."

Das stimmt leider zum Teil, insbesondere bei den Politikern sind die Erkenntnisse zur Sicherheit von
Radwegen noch nicht angekommen. Im Stadtrat und in den Bezirksausschüssen kann man da noch immer furchtbare Dinge hören.

Im Großen und Ganzen hat sich die Situation aber schon erheblich verbessert gegenüber dem, was in München noch vor 10 Jahren abgegangen ist. In der Stadtverwaltung hat zumindest teilweise ein Umdenken eingesetzt, und das muss man wirklich loben. Z.T. argumentieren KVR und Baureferat auf Bürgerversammlungen gegen die Wünsche von Bürgern, die gern Radwege hätten - das sei nicht sicher und entspreche nicht mehr dem Stand der Technik.

Leider ist das noch nicht durchgehend so, aber ich finde, man muss das anerkennen, auch wenn noch viel Verbesserungspotential da ist.

Im Moment sehe ich das größere Problem bei den Stadtpolitikern, die häufig noch Radverkehrsförderung mit Radwegebau gleichsetzen.

Martin hat gesagt…

"[...]daß München unglaublich viele Km Fahrradwege hat. Allen Anschein nach hat denen noch niemand gesagt, dass Fahrradwege töten und überhaupt nicht erstrebenswert sind."
Ich denke, letzteres ist ihnen schon bekannt.
Aber um Fahrradfahrer von der Fahrbahn fernzuhalten, kommen ihnen benutzungspflichtige Radwege sehr gelegen.
Im Zuge einer bzw. mehrerer Baustellen auf der Sonnenstraße wurden die Radfahrer mit den Fußgängern durch die Gerüste geschickt (240er).
In einem Telefonat mit einem Mitarbeiter des KVR wurde mir u. a. erklärt, die rechte Spur würde schon von Falschparkern/Zweite-Reihe-Parkern blockiert, da könne man die Radfahrer nicht auf die Fahrbahn lassen.
Es ist auch der Satz gefallen: "Die Radfahrer wollen das so." Die Sicherheit der Radfahrer war natürlich auch ein Argument. Die alte eingestaubte Leier.
In München kommt das Auto, dann das Auto und dann das Auto. Fahrradfahrer werden nur da auf die Fahrbahn gelassen, wo kein Autofahrer auch nur 5 Sekunden verlieren könnte.

Highner hat gesagt…

@Shining Raven,

du sagtest, dass KVR und Baureferat auf Bürgerversammlungen gegen Radwege argumentieren. Du scheinst dich ja recht gut auszukennen. Sage mir doch mal bescheid, wenn eine solche Bürgerversammlung wieder stattfindet. Das würde ich mir gerne anhören. Wenn Du da mehr und tiefergehende Informationen haben solltest und vielleicht sogar Insiderwissen, welche aber veröffentlicht werden dürfen, kann ich dir auch anbieten einen Bericht über dieses Thema zu schreiben und ich setze es als Gastbeitrag bei mir in den Blog ein.

LG
Highner

Shining Raven hat gesagt…

Hallo Highner,

"insider-Wissen" habe ich nicht wirklich. Das meiste, was ich in der Hinsicht mitbekomme, kommt aus der Presse, und zusätzlich ein wenig über den ADFC. Ich habe zwei konkrete Beispiele aus diesem Jahr, wo das Baureferat sehr vernünftig argumentiert hat.

Einmal ging es im Bezirksausschuss Laim um den Umbau der Kreuzung Willibald-/Landsberger Straße, wo der Radweg direkt an die Fahrbahn verlegt werden soll. "Vertreter des Baureferats... führten neue [Studien] ins Feld, wonach die Verlegung des Fahrradwegs ... die Unfallgefahr senken würde." (SZ vom 26.05.2010)

Beim zweiten Fall ging es bei einem Infoabend des BA Allach-Untermenzing um den Ausbau des westlichen Teils der Allacher Straße. Dort gab es starke Kritik am geplanten Radfahrstreifen.
"Auch den vielfach kritisierten Verlauf des Radwegs auf der Straße verteidigte [der Vertreter des Baureferats]. "Das ist das Sicherste. Dort sind die Radler, anders als auf einem Radweg, immer im Blickfeld des Autofahrers.""

Ich will nicht sagen, die Situation sei ideal - ich selber ärgere mich auch immer wieder über Baureferat und das KVR. Mein Punkt ist nur, dass dort - gegenüber der Situation von vor 10 oder auch noch vor 5 Jahren - ein Umdenken eingesetzt hat, und das auch nach aussen vertreten wird. Wenn das so weitergeht, dann wird die Situation vielleicht wirklich einmal besser.

Es wird immer noch teilweise Mist geplant, und die meiste Infrastruktur ist natürlich auch schon älter und hält leider sehr lange, so dass es sicherlich noch viele Jahre dauern wird, bis sich die (teilweise) Einstellungsänderung in der Infrastruktur niederschlägt. Aber es ist nicht total hoffnungslos.

Bezüglich konkreter Termine kann man bei den Bezirksausschüssen schauen (im RIS - RathausInformationsSystem der Stadt München) - meistens bekomme ich das auch zu spät mit. Ich kann mich aber einmal bemühen, bescheid zu geben, wenn wieder einmal etwas ansteht.

Viele Grüße!

Shining Raven hat gesagt…

Hallo Martin,

das mit den Baustellen ist ein Problem für sich, und je nachdem, wer der zuständige Sachbearbeiter ist, kann die Kommunikation mit dem KVR ziemlich frustrierend sein. Habe ich auch schon erlebt.

Aber auch hier nicht zu schnell aufgeben: Der Radverkehrsbeauftragte im KVR hat eine neue Mitarbeiterin, die sich speziell der Baustellenproblematik bei Radwegen annehmen soll. Mal sehen, wieviel das bringt. Nicht immer entspricht das, was auf der Straße zu sehen ist, auch der straßenverkehrsrechtlichen Anordnung...(andererseits sind auch die manchmal ... bescheiden).

Am liebsten ist denen eine email an verkehrsmanagement.kvr at muenchen.de, die dann intern entsprechend weitergegeben wird und angeblich auch da ankommt. Der ADFC München gibt solche Meldungen auch weiter, und wird bei Dauerbaustellen auch gern informiert, um selber nachzuhaken.

Also, leider muss ich Dir grundsätzlich recht geben (es gibt immer noch einige Leute im KVR, die um jeden Preis an Benutzungspflichten festhalten wollen), andererseits trifft das nicht auf jeden Sachbearbeiter zu und es ist nicht vergeblich, da nachzufragen.

Danke übrigens, dass Du Dich da anscheinend schon engagierst und mit dem KVR redest, ich glaube immer noch daran, dass das auf Dauer schon zu Veränderungen führen wird.

Viele Grüße,

Shining Raven.

Martin hat gesagt…

Ich seh die Sache so:
Es gibt ganz katastrophale, saugefährliche Radwege.
Wäre man ehrlich, müßte man dort die Benutzungspflicht sofort aufheben. Wer will kann den "anderen Radweg" - und das würden die meisten tun, siehe BAST - gerne nutzen.
Ich denk z. B. an die Dachauer Straße. Dort sind ja schon Klagen gelaufen.
Oder die Bahn-Unterführung im Zuge der Lindwurmstraße. Dort wird mit Schilder vor den Gefahren gewarnt.

Es ist ja nicht so, daß diese Radwege nur keinen Sicherheitsgewinn brächten. Nein, sie sind richtig gefährlich, total überfüllt, und nehmen (z. B. Lindwurmstraße) den Fußgängern den notwendigen Raum.
Es wäre ein leichte, wenn man denn wollte, die Benutzungspflicht aufzuheben, eine rechtmäßigen Grund dafür gibt es ohnehin nicht.

Aber da wären ja einige Radfahrer auf der rechten von zwei Spuren unterwegs.

Das tun die Behörden (nicht), dann die Polizei mit recht zweifelhaften Aktionen und Bikerbashing der zwei Käseblätter; mit den "erlebbaren" Folgen: mir selbst passiert: ein Autofahrer wechselt von der linken Spur nach rechts, nur um mich bis fast zum Stillstand auszubremsen, fährt wieder nach links weil er an der nächsten Kreuzung sowieso abbiegt.

Um jetzt wieder den Bogen zurück zu schlagen:
Ich denke man könnte was ändern, wenn sich der Großteil der Radfahrer einfach trauen würde, ganz normal auf der Fahrbahn zu fahren, ganz normal links abzubiegen, so wie es überall dort ganz selbstverständlich ist, wo keine Radfahrergefährdungsanlagen existieren. Aber leider bin ich oft ziemlich einsam, wenn ich Baustellen auf der Fahrbahn umfahre, oder auf der Linksabbiegerspur stehe.
Woran mag das bloß liegen?

Man muß nicht zwischen den Zeilen lesen, um zu erkenne, daß ich noch eher skeptisch eingestellt bin.
Mag auch daran liegen, daß ich mich schon über nicht benutzungspflichtige Radwege gefreut habe, um dann festzustellen, daß nur das Aufstellen der Schilder ein paar Wochen gedauert hat, das war noch letztes Jahr.
Wead scho wean, a bisserl dauert's hoid no!

Highner hat gesagt…

@Martin,

ich gebe Dir mehr als nur Recht. Erst gestern bin ich auf der Ostpreußenstraße auf der Fahrbahn gefahren (obschon ein benutzungspflichtiger Radweg vorhanden war), da mich Autos auf dem Radweg blockiert haben. Die Straße habe ich nur wenige hundert Meter benutzt und dabei keine Autos aufgehalten, da ich sehr zügig unterwegs war. An der ersten Ampel wollte ich wieder auf den Radweg wechsel. Ein Autofahrer öffnete sein Fenster und meinte mich gleich anmachen zu müssen. Ich glaube die meisten Verkehrsteilnehmer kennen einfach die Rechte und Pflichten eines Radfahrers nicht. Da liegt das größte Problem. Aufklärung statt Rahrradjoker!